Zur Kontroverse über die Trotzki-Biographie von Robert Service

Angesichts der brutalen Sozialangriffe, die auf der ganzen Welt stattfinden, und dem wachsenden Widerstand dagegen beginnen breite Schichten nach einem fortschrittlichen Ausweg aus der Krise zu suchen.

Dabei richtet sich ihr Interesse wieder auf die großen Klassenkämpfe der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, auf ihre sozialistischen Ideen und revolutionären Führer. Im besonderen Maße gilt dies für Leo Trotzki, den Theoretiker der sozialistischen Weltrevolution, Führer der Revolution von 1905 und 1917 und unversöhnlichen Gegner des Stalinismus.

Wohl in Erwartung dieser Entwicklung sind in den letzten Jahren mehrere Trotzki-Biographien veröffentlicht worden, etliche davon von ausgesprochen antikommunistischen, der Oktoberrevolution und ihren Bestrebungen nach sozialer Gleichheit feindlich gesinnten Historikern. Zu letzteren zählen die britischen Autoren Geoffrey Swain, Ian Thatcher und vor allem Robert Service. Ihnen geht es nicht darum, das weltweit zu beobachtende neue Interesse an Leo Trotzki zu befriedigen, sondern, es im Keim zu ersticken. Dazu rücken sie Trotzki menschlich in ein abscheuliches Licht, fälschen seine Rolle in der Geschichte und entstellen seine Ideen bis zur Unkenntlichkeit. Dabei greifen sie bemerkenswerterweise auf Verleumdungen und Geschichtsfälschungen zurück, die bereits Stalin und seine Propagandamaschine eingesetzt hatten, um die Unterdrückung und Liquidierung Trotzkis und der von ihm geführten Linken Opposition innerhalb und außerhalb der Sowjetunion zu rechtfertigen.

Insbesondere das Buch von Service und dessen deutsche Herausgabe durch den Suhrkamp Verlag haben zu heftigen Auseinandersetzungen an den Universitäten und in den Feuilletons geführt. Angestoßen wurden sie von David North, der das Buch von Service einer detaillierten und sorgfältig belegten Kritik unterzogen hatte. North ist Vorsitzender der Internationalen Redaktion der World Socialist Web Site (wsws.org) und Autor zahlreicher Veröffentlichungen über das Werk Leo Trotzkis und die Geschichte der Vierten Internationale.

In dem Band Verteidigung Leo Trotzkis, der nun in einer erweiterten, zweiten Auflage erschienen ist, setzte sich North detailliert mit den verschiedenen Biografien auseinander. Gerade dem Buch von Service wies er schwerwiegende Mängel nach. Das Buch wimmelt nur so von faktischen Fehlern zu geschichtlichen und biographischen Ereignissen, von falschen Angaben zu Orts- oder Personennamen. Die Quellenangaben, deren Vielzahl wissenschaftliche Akribie vortäuschen soll, sind unzuverlässig. Schwer zugängliche und daher für den normalen Leser kaum überprüfbare Quellen haben oft mit dem Behaupteten nichts zu tun oder sind in ihrem Inhalt verdreht und gefälscht worden. So gut wie nichts erfährt der Leser über die komplexen geschichtlichen Entwicklungen, die das Leben und die Ideen von Leo Trotzki geformt haben; geschichtliche Entwicklungen, die er seinerseits mit einer unglaublich produktiven schriftstellerischen und politischen Tätigkeit in Zeiten der Revolution gestaltete, in Zeiten der Reaktion zu ändern suchte. An die Stelle einer kritischen Analyse von historischen Fakten und politischen Konzepten tritt bei Robert Service wie bei seinen beiden Kollegen eine Fülle von abwertenden und abfälligen subjektiven Urteilen über Politik und Privatleben Trotzkis.

Unter Historikern erhielt David North von unbestrittenen Autoritäten ihres Faches uneingeschränkte Unterstützung. Bertrand Patenaude, als Professor der Hoover Institution, Stanford University, der Sympathien für Trotzki unverdächtig, verfasste im Auftrag der angesehenen amerikanischen Historiker-Zeitschrift The American Historical Review eine detaillierte Parallel-Besprechung der Trotzki-Biographie von Robert Service und des Buches Verteidigung Leo Trotzkis. Er bekräftige darin die Kritik von David North und schloss mit dem vernichtenden Urteil: »North nennt Services Biografie ein ›zusammengeschustertes Machwerk‹. Starke Worte, aber völlig berechtigt. Harvard University Press hat sein Imprimatur unter ein Buch gesetzt, das die elementaren Regeln der Geschichtswissenschaft missachtet.« Bis heute haben weder Robert Service noch seine Verlage die von Patenaude bestätigten Vorwürfe David Norths widerlegt oder auch nur versucht, sie zu widerlegen.

Auf Grund dieser Sachlage hatten dann im Sommer 2011 Professor Hermann Weber, Nestor der Stalinismus- und DDR-Forschung, und Professor Helmut Dahmer, als Herausgeber einer wissenschaftlich-kritischen Ausgabe der Werke Leo Trotzkis international anerkannter Experte, in einem zunächst vertraulichen Brief an den Suhrkamp Verlag erhebliche Bedenken gegen die dort geplante Veröffentlichung des Buches von Robert Service angemeldet. Es handele sich nicht um eine wissenschaftliche Streitschrift, sondern um eine ideologisch motivierte Schmähschrift, argumentierten sie unter Verweis auf das Buch von North und das Gutachten von Patenaude. Zwölf weitere namhafte Historiker und Politikwissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz hatten den Brief mit unterzeichnet. Der Verlag reagierte zunächst, indem er das bereits druckfertige Buch von Service stoppte und einer erneuten Prüfung unterzog. Doch im Juli 2012 erschien es mit mehr als einem Jahr Verspätung dann doch – gegenüber dem englischen, von Harvard University Press herausgegebenen Original fast unverändert, mit all seinen Fehlern und Fälschungen. Von zahlreichen Rezensenten, aber auch von Freunden des Suhrkamp Verlages und vielen Buchhändlern wurde dies zu Recht als Skandal empfunden. In den darauffolgenden Wochen erschienen in den großen deutschsprachigen Tages- und Wochenzeitungen, in Hörfunkjournalen und Online-Medien an die zwanzig, für Service und Suhrkamp überwiegend vernichtende Buchbesprechungen. Selbst diejenigen Rezensenten, die Leo Trotzki und seinem Verteidiger David North feindselig gesinnt sind, mussten einräumen, dass das Machwerk von Robert Service wissenschaftlich unhaltbar, die Kritik von North somit im Kern zutreffend ist.

In der zweiten Auflage der Verteidigung Leo Trotzkis sind drei weitere Vorträge enthalten, mit denen North zu den Auseinandersetzungen Stellung nimmt. Er betont, dass es kein Zufall sei, wenn gerade in Deutschland die Bemühungen von Robert Service, Leo Trotzki und seine Rolle in der Weltgeschichte zu fälschen und zu verleumden, auf scharfen Widerspruch stößt. In der Tat ist nirgendwo die Absurdität des Arguments, Trotzki habe keine Alternative zu Stalin geboten, so offensichtlich wie in diesem Land. Hitler und seine Horden kamen 1933 kampflos an die Macht, obwohl ihnen mit der KPD, der SPD und den Gewerkschaften die am besten organisierte und ausgebildete Arbeiterklasse in Europa kampfbereit gegenüberstand. Es war die von Stalin diktierte Politik der KPD, wonach die SPD »sozialfaschistisch« und damit »ein größerer Feind der Arbeiter als die Nazis« sei, welche ihnen den Weg ebnete. Sie ergänzte die feige und unterwürfige Tatenlosigkeit der SPD und der Gewerkschaften und verbreitete eine tödliche Lähmung. Trotzki hingegen brandmarkte diese Linie Stalins und der KPD als hirnlos und verbrecherisch, kämpfte leidenschaftlich für eine Einheitsfront von KPD und SPD gegen die faschistische Gefahr, warnte eindringlich, dass eine Machtübernahme der Nazis die deutsche und europäische Arbeiterklasse in Barbarei zurückwerfen und unweigerlich zu einem neuen Weltkrieg führen werde. Wer wollte bezweifeln, dass die Weltgeschichte anders verlaufen wäre, wenn Trotzki und nicht Stalin sich mit seiner Linie durchgesetzt hätte? Tief beeindruckt hatten Trotzkis scharfe Analysen des Nationalsozialismus daher nicht nur seine damaligen Anhänger in der Arbeiterbewegung und nicht wenige seiner politischen Gegner, sondern auch Generationen von Historikern und Jugendlichen im Deutschland nach 1945, die nach einer Erklärung für die Katastrophe von 1933 suchten.

Am 27. September 2013 erläuterte David North auf dem 49. Historikertag in Mainz in einer öffentlichen Veranstaltung des Mehring Verlags seine Thesen. Als einer der Historiker, die den Brief an Suhrkamp unterzeichnet haben, sprach dort ferner Prof. Mario Kessler vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Die vollständige Rede von David North ist ebenso wie ein
Bericht von der Veranstaltung auf der World Socialist Web Site dokumentiert.

Auf die Einladung von Robert Service an die Humboldt Universität Berlin hat die Partei für Soziale Gleichheit Ende Januar mit einem offenen Brief an Professor Jörg Baberowski, den Leiter des Lehrstuhls für osteuropäische Geschichte an der Humboldt Universität, reagiert, in dem sie die Einladung als »intellektuelle Provokation« bezeichnet.